Keine Szene, kein Netzwerk, keine Lobby

28.05.2013 in Österreichische Themen
Christian Wagner, Mitglied des Leitungsteams, hat für das Magazin "kunstSTOFF" die Labelszene in Niederösterreich unter die Lupe genommen.

Tonträgerhersteller in Niederösterreich

Die Musikindustrie steckt weltweit seit Jahren in einer tiefen Krise. Die rasante Entwicklung der digitalen Medien hat die klassischen Einnahmequellen versiegen lassen. So wurde beispielsweise mit physischen Tonträgern in Österreich 2011 insgesamt ein Umsatz von 124 Millionen Euro erzielt, 2002 lag dieser noch bei 260 Millionen Euro.

Wenn man landläufig von „der Musikindustrie“ spricht, meint man damit zumeist Tonträgerhersteller, welche unter verschiedenen Marken, den sogenannten Labels, Musikaufnahmen von Künstlern veröffentlichen und verbreiten.

Label ist nicht gleich Label In Österreich kann im Prinzip jede/r ein Label – im Sinne einer Marke - bei der zuständigen Leistungsschutzgesellschaft (LSG) anmelden. Mit der Bezahlung von 90 EUR (brutto) an eben diese wird man in den Kreis der derzeit insgesamt über 3500 (in NÖ sind es zirka 550) Bezugsberechtigten aufgenommen. Hinter dieser eindrucksvollen Anzahl stecken oftmals unbekannte Musikgruppen, welche in der Hoffnung, dadurch eine weitere Einnahmequelle zu erschließen, für die Veröffentlichung des eigenen Tonträgers auch ein eigenes Label gegründet haben. Spätestens mit der Auflösung der Band sind die meisten dieser Labels jedoch Geschichte. Wesentlich aussagekräftiger ist da schon die Anzahl der Unternehmen, die das Gewerbe „Betrieb eines Musiklabels bestehend in der Herstellung und Verwertung von Tonaufnahmen“ angemeldet haben. In Österreich gibt es 702 Unternehmen mit diesem Gewerbe, davon sind 116 in Niederösterreich und 339 in Wien beheimatet.

Abgeschlagen am 2ten Platz Niederösterreich ist mit 17% das Land mit dem zweitgrößten Anteil an Unternehmen, die ein Musiklabel betreiben. Wien hat einen satten Anteil von 48%. Die Musikindustrie spielt sich also im Wesentlichen in der Bundeshauptstadt ab. Das gilt sowohl für die sogenannten „Majors“ als auch für die unabhängigen Tonträgerhersteller, die „Indies“. Der aus 19 Mitgliedern bestehende „Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI)“ zählt nur 1 Mitglied aus NÖ in seinen Reihen, wohingegen 13 ihren Sitz in Wien haben. Ein ähnliches Bild findet man beim VTMÖ, dem „Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreich“: Nur 6,5 % seiner Mitglieder sind aus Niederösterreich, knappe 66% aus Wien.

Keine Szene, kein Netzwerk, keine Lobby Obwohl also ein Sechstel der gewerblichen Labels aus NÖ kommt, spiegelt sich dieser Anteil nicht in den bundesweiten Verbänden wider. Scheinbar sieht man keinen Bedarf für die eigenen Interessen Lobbying betreiben zu müssen. Ein weiteres Indiz dafür findet man in der Wirtschaftskammer NÖ: Von den 6 FachvertreterInnen der Film- und Musikindustrie kann nur einer der Musikindustrie zugeordnet werden (der Rest gehört zum Film). Im Gegensatz zu Wien findet in NÖ auch sonst kaum Vernetzung der Plattenfirmen untereinander statt. Dies liegt wohl einerseits an der räumlichen Distanz und andererseits an den recht unterschiedlichen Genres, die bedient werden. Ein Label wie „BALLOON RECORDS“ aus Gerasdorf mit seinen Dance&Pop-Produktionen hat nun mal recht wenig Berührungspunkte mit einem Label wie „Ampel Records“ aus Karlstetten mit seiner volkstümlichen Ausrichtung. Eine „Labelszene“ wie in Wien gibt es in NÖ schlichtweg nicht.

Tonstudios mit Sonderangebot Ein weiterer Grund, weshalb die Labelbetreiber in NÖ keinen Bedarf sehen, sich besser zu vernetzen, liegt darin, dass die Verwertung von Tonaufnahmen zumeist nicht das Kerngeschäft des Unternehmens betrifft. 62% der NÖ Labelbetreiber sind nämlich gleichzeitig auch Betreiber eines Tonstudios. Das Label dient somit in den meisten Fällen nur als Erweiterung des Angebotes.

Label als Teil eines Gesamtkonzeptes Die Entwicklung geht heute zunehmend in Richtung 360-Grad-Betreuung von Künstlern und „Projekten“. Vom Booking und Tourmanagement über Promotion bis hin zum Musikverlag und -label werden alle Teilbereiche der Musikindustrie aus einer Hand abgedeckt. Die einzelnen Zahnräder dieser Maschinerie greifen dementsprechend optimiert ineinander und sorgen dafür, dass „der Motor rund läuft“. Ein Beispiel für diese allumfassende Sichtweise ist das Label „Operator“ von Erwin Kienast, der mit den CDs zum Kiddy-Contest schon Mehrfachplatin einsammeln konnte.

Back to the roots Die ursprüngliche Idee eines Labels war es, dem Käufer die Auswahl zu erleichtern, indem die Veröffentlichungen eines Labels grundsätzlich einer bestimmten Musikrichtung zuordenbar waren. Was früher aufgrund des Mangels an Information hilfreich war, wird heutzutage durch das Überangebot notwendig. Ein Label dient zukünftig vermehrt als Orientierungshilfe im schier unendlichen Musikangebot. Das Mostviertler Label „Lichtpunkt Records“ zum Beispiel hat sich auf „Musik für die Seele“ spezialisiert und bedient damit über Österreich hinaus Massagestudios, Mentaltrainer und Yogalehrer. Mit österreichischer Dialektmusik hingegen hat sich das Label „Eiffelbaum Records“ sein Territorium enger, aber trotzdem erfolgreich abgesteckt.

Dieser Artikel wurde im Mai 2013 im Magazin “kunstSTOFF” der NÖ Kulturvernetzung veröffentlicht. Autor: Christian Wagner.