Warum "die Quote" alleine nicht ausreicht.

22.01.2012 in Österreichische Themen
Damit die bisher grob angeführten Effekte nicht nur theoretisch entstehen, bedarf es in der Praxis noch der Erfüllung gewisser, struktureller Voraussetzungen. Diese wurden leider in der „Österreichischen Musikcharter“ nicht festgehalten und betreffen die konkrete Umsetzung durch den ORF und Haus¬aufgaben, welche die Verwertungsgesellschaften noch zu erledigen hätten.

Strukturelle Voraussetzung für einen nachhaltigen Österreicheranteil in den ORF-Radios

Damit die bisher grob angeführten Effekte nicht nur theoretisch entstehen, bedarf es in der Praxis noch der Erfüllung gewisser, struktureller Voraussetzungen. Diese wurden leider in der „Österreichischen Musikcharter“ nicht festgehalten und betreffen die konkrete Umsetzung durch den ORF und Haus¬aufgaben, welche die Verwertungsgesellschaften noch zu erledigen hätten.

1. Österreichisches aus Österreich: Laut AKM-Sendezeitstatistik für 2010 liegt der Anteil an Österreichischer Musik in den ORF Radios bei 21,3 %. Unter „österreichischer Musik“ versteht man dabei laut Musikcharter „Werke der Tonkunst, Darbietungen von ausübenden Künstlern und Leistungen von Tonträgerherstellern, die von österreichischen Urhebern, österreichischen Interpreten bzw. von österreichischen Produzenten geschaffen bzw. erbracht werden/wurden“ (Quelle http://www.musikergilde.at/). Diese Definition beinhaltet also nicht nur auf Tonträger festgehaltene Werke, sondern auch Kennungen, Werbe- und Hintergrundmusik. Weiters zählen auch Werke dazu, die lediglich von österreichischen Musikern interpretiert oder über österreichische (Sub-)Verlage abgerechnet werden. Es geht somit in Wirklichkeit nicht um die Kompositionen österreichischer Urheber. Die ins Deutsche übersetzte Coverversion eines englischsprachigen Hits aus den Siebziegern zählt ebenso zur österreichischen Quote, sobald ein österreichischer Interpret beteiligt ist. So gerechnet erreichen die Regionalradios schnell eine beachtliche Quote, die ausgeschütteten Lizenzen gehen aber großteils trotzdem ins Ausland. Das gilt übrigens auch für „typisch österreichische Stars“ wie Christina Stürmer, deren Hits überwiegend von deutschen Urhebern geschrieben wurden. Kurz gesagt, ist die angeführte Quote eine Mogelpackung und es werden da Äpfel für Birnen verkauft. Rechnet man beispielsweise Signations, Werbung und Hintergrundmusik heraus und betrachtet nur das reine Musikprogramm CDs, sind es derzeit schon nur mehr 15,6% 2010ttp://www.sos-musikland.at/).

2. Gewichteter Durchschnitt Die Quote wird auf die Gesamtheit der Hörfunkprogramme bezogen, d.h. man nimmt die einzelnen Werte zusammen und errechnet daraus den Durchschnitt. Die Reichweite der einzelnen Sender wird nicht berücksichtigt. Hätte Ö3 also 0% und Radio Burgenland 60% so wäre die offizielle Quote im Schnitt 30%. Gewichtet käme ein Anteil von weit unter 5 % raus. Die Quote bezieht sich also nicht auf einen GEHÖRTEN Anteil, sonder auf einen GESNDETEN Anteil.

3. Neues Liedgut Abgesehen davon, dass also die Quote nicht ganz so österreichisch ist, wie uns vorgegaukelt wird, kann ein positiver Effekt nur dann erzielt werden, wenn neues Liedgut verwendet und zur entsprechenden Zeit gesendet wird. Aktuell nimmt man zur Erfüllung der Quote altbekannte Werke – gerne auch Austropop – und sendet diese zwischen 22.00 und 5.00 Uhr. Der Effekt für die österreichischen Musikschaffenden ist eine dreifache Null. Zum Einen ist die Reichweite zur späten Stunde wohl eher gering und zum Anderen handelt es sich im Wesentlichen um Werke, die von den Majors verwertet werden. Die ausgeschütteten Lizenzen vermehren das Vermögen von einigen, alt gedienten Urhebern und deren Erben, die diesen willkommenen Zuwachs meistens nicht mehr nötig hätten. Daraus ergibt sich drittens – und darauf will ich eigentlich hinaus – dass dieses Geld nicht direkt in neue (österreichische) Produktionen fließt und somit eine neuerliche Wertschöpfungskette anstößt, sondern über die Majors direkt ins Ausland geht oder über den privaten Konsum der Begünstigten in andere Wirtschaftszweige umgeleitet wird . Lange Rede, kurzer Sinn: Um durch eine Quote einen möglichst hohen Effekt zu erreichen, müssten Werke von aktiven Urhebern zu reichweitenstarken Zeiten gesendet werden. Diese aktiven Musikschaffenden würden die Lizenzerträge beispielsweise vermehrt für mehr Promotion, bessere Produktionen und neue Instrumente verwenden. Der eine oder andere Musiker könnte seinen Brotberuf aufgeben und sich ganz der Musik widmen, was sich wiederum positiv auf die Qualität und Professionalität auswirken würde. Durch den zusätzlichen Airplay steigt naturgemäß die Bekanntheit einer Musikgruppe und dadurch auch die Nachfrage nach Live-Konzerten und Tonträgern. Die so angestoßene (inländische) Wertschöpfung überstiege in ihrem Effekt bei Weitem die „nackten“ Lizenzausschüttungen durch den ORF.

4. Punktgenaue Abrechnung: In Zeiten wo jede Einzelhandelskette weiß, wann ich wo welche warme Luft von mir gegeben habe und Soziale Plattformen persönliche Daten speichern, von denen ich oft selbst nichts weiß, ist es den Verwertungsgesellschaften immer noch nicht möglich punktgenau zu erfassen wann, welches Werk, von welchem Radiosender gesendet wurde. Immer noch müssen Redakteure händisch irgendwelche Listen ausfüllen die dann wiederum händisch von den Mitarbeitern der AKM, AUME und LSG eingepflegt und ausgewertet werden. Dass sich da zwangsläufig Fehler einschleichen, liegt auf der Hand. Nicht ganz so zwangsläufig, aber durchaus vorgekommen, ist es, dass das eine oder andere tatsächlich gesendete Werk in den Listen zufällig durch einen anderen Werktitel ersetzt wurde. Bei den kleinen Radiosendern besteht das Problem nicht, da diese ja pauschaliert abgerechnet werden. Diese zahlen also einen Betrag X an die Verwertungsgesellschaften, welcher dann nach einem bestimmten Schlüssel verteilt wird. Dumm nur, dass dieser Verteilungsschlüssel so gar nicht den tatsächlich gespielten Werken entspricht, sondern – nicht nur tendenziell – große Verlage und Plattenfirmen begünstigt. Die meisten kleinen Radiosender spielen bekanntermaßen wesentlich mehr Titel von den kleinen österreichischen Labels, die so aber nie einen Cent aus den Lizenzeinnahmen sehen. Wie so oft im Leben herrscht also keine …

5. Verteilungsgerechtigkeit Die „große schwarze Schachtel“ ist das schwarze Loch der österreichischen Indie-Labels. Als Folge der fehlenden Genauigkeit bei der Erfassung der gesendeten und aufgeführten Werke, gibt es einen fetten Anteil bei den Lizenzeinnahmen, der keinen konkreten Werken zugeordnet werden kann. Der Inhalt der sogenannten „Blackbox“ wird entsprechend dem schon erwähnten Verteilungsschlüssel ausgeschüttet. Ganz objektiv nimmt man da die offiziellen Verkaufszahlen, die (ungenau) gemeldeten Sendeminuten der (wenigen) großen Rundfunkanstalten, die Setlisten von Live-Konzerten und „verwurschtet“ diese Daten. Leider bildet das Ergebnis dieser Berechnung die Realität nur bedingt ab. Die kleinen Bands und Labels verkaufen ihre Tonträger zumeist bei ihren Konzerten und über die eigene Website, in den Lokalen und Clubs wird nicht nur Ö3 gespielt und die kleinen Radiostationen senden vergleichsweise mehr Werke österreichischer Urherber. Kurz gesagt: Die Daten werden dort erhoben, wo sich wenige Majors den Markt teilen und dort ignoriert, wo sich die Heerschar an Indie-Labels bewegt. Hat man es als kleines Label dann doch irgendwann geschafft, von den Verwertungsgesellschaften erfasst zu werden, heißt das noch lange nicht, dass man sein hart verdientes Geld bekommt, werden doch nur bestimmte Mindestumsätze an die Mitglieder ausgeschüttet und jährliche Verwaltungspauschalen einbehalten. Kommt man nicht über den notwendigen Mindestumsatz, so wird der Betrag mit Ende des Jahres auf Null gestellt und in den Topf zurückgeschmissen. Also wieder eine klare Bevorzugung der Großen und von Verteilungsgerechtigkeit keine Spur.

Es sei hier klar festgehalten, dass es heute schon umsetzbare, technische Möglichkeiten gib, die Sendelisten der Radiosender automatisch und damit punktgenau zu erfassen. Die Fehlerquote wäre damit verschwindend klein. Man bedenke nur, dass „der bereits 1974 in Deutschland entwickelte und 1986 als ISO-Norm 3901 weltweit etablierte ISRC“ (Das ISRC-Handbuch, 2. Auflage) International Standard Recording Code, Anm. d Red. im Prinzip genau dafür geschaffen wurde. Die Verwertungsgesellschaften haben den Technologiesprung bisher nicht gewagt, geschafft oder absichtlich ignoriert. An den Kosten kann es nicht liegen.

Dieser Text ist die persönliche Meinung des Autors. Autor: Christian Wagner